Markus Nagler

Knochenmarkspende

with one comment

Kurzfassung: Keine große Sache, Schmerz und Aufwand sind ziemlich gering.

Vorlauf: Ich bin seit etwa 15 Jahren registriert, zweimal schien es schon so weit zu sein, jetzt, beim dritten Mal war’s dann wirklich so weit. Nebenbei bemerkt, es ist wirklich clever vom Heidelberger Spenderregister, die entsprechende Prüfung schon vorher durchzuführen. Dadurch konnten sie mir gleich sagen, dass es passt und ich musste nicht erst auf die mögliche Passung hin zu einem Allgemeinarzt, um mir Blut abnehmen zu lassen, das dann nochmal überprüft wird. Nachdem man sich ja aussuchen kann, bei welcher Spenderdatei man sein will … sollte man trotzdem die wohnortnahe nehmen. Wenn ich mich letzten Herbst nicht von Bayern nach Heidelberg umgemeldet hätte, wäre das Ganze in München gemacht worden, und ich hätte extra hinfahren müssen (Fahrtkosten, wie überhaupt alle Auslagen, würden natürlich erstattet).

Am 12.09. war dann die Voruntersuchung: Blut, Urin, EKG, Ultraschall, eine allgemeinärztliche Untersuchung und eine Gespräch mit dem Anästhesisten. Hat den ganzen Vormittag gedauert, aber irgendwann muss man ja ohnehin mal zu einem Gesundheischeck und dieser kostet keine Praxisgebühr ;-) Außerdem haben die Ärzte vergleichsweise viel Zeit und sind richtig freundlich, sie wollen ja auch was von mir. Der Anästhesist war merkwürdig. Erst lobt er mich über den grünen Klee, dass ich das mache, dann schildert er sehr plastisch, wie das war, als er sich ohne (!) Vollnarkose Knochenmark entnehmen ließ. Keine Ahnung, warum er das überhaupt ausprobiert hat, aber ich fand’s ein bisschen riskant von ihm. Ich hätte ja nach der Schilderung auch aufstehen und gehen können.*

Ich hatte mir die OP aber vorher schon bei Youtube angesehen. Mehrmals, weil es auf den ersten Blick doch unschön aussieht wenn sie die Nadeln in den Beckenknochen reindrehen. Beim 2x und 3x Sehen ist dann der erste Schreck überwunden, und man sieht, dass es keine große Sache ist. Was mir allerdings nicht klar war war, dass sie das zu zweit machen würden, und jede/jeder Arzt 3x zusticht während ich in Vollnarkose auf dem Bauch liege. Aber je kürzer die Vollnarkose, desto gesünder und sie müssen das Zeug mit flottem Schwung rausziehen, weil sich sonst die Knochenmarkszellen nicht lösen.

Warten: Der für mich „schwierigste“ Teil. Nicht, weil ich damit rechnete, nicht gesund genug zu sein. Sondern weil nach Bestätigung meines Gesundheitszustands der Empfänger Chemotherapie bekommt, die sein Immunsystem lahm legt. Wenn ich, was ich ja jederzeit könnte, von der Spende zurück trete überlebt der Empfänger ab diesem Zeitpunkt die Sache wahrscheinlich nicht. Nicht, dass ich jemals daran gedacht hätte, es vielleicht doch nicht zu machen. Aber allein der Gedanke, in so unmittelbarer Weise das Leben eines anderen Menschen in der Hand zu haben war mir unheimlich. Ich will sowas nicht. (Vielleicht ist Höhenangst/Vertigo ein passender Vergleich. Man will natürlich nicht runterfallen, aber allein die Höhe verursacht Schwindel.)

OP: Am 28.09. um 7 in der Klinik, so gegen 9 dann im OP. ich hab mich noch darüber amüsiert, dass die Narkoseärzte mit mir plaudern, um mich abzulenken, danach bin ich so gegen Mittag wieder aufgewacht. Gut ausgeschlafen, gut gelaunt. Ein paar Leute angerufen um mitzuteilen, dass ich’s überlebt habe.

Schmerzen:  Minimal. Rücken/Hüfte tat in etwa so weh, wie wenn man im Winter mal ordentlich auf den Hintern fällt. 1.5 Tage war ich beim Laufen ein wenig steif in der Hüfte, am Freitag waren mir die Leute in der Fußgängerzone schon wieder zu langsam. Unangenehmes Kratzen im Hals, vom Intubieren. War am Wochenende dann auch weg. Kreislaufschwäche war am Donnerstag noch auffällig, da hab ich nach 1.5 Stunden rumstehen schon gemerkt, dass ich mich mal wieder hinsetzen sollte. 1.5 Wochen später waren allerdings sowohl 1 Stunde Schwimmen als auch 4 Stunden Wandern ohne Pause wieder problemlos möglich.

Doof war außerdem noch, dass es im Krankenhaus für mich kein vegetarisches Mittagessen gab. Offiziell war ich ja ambulant da, das Essen haben mir die Schwestern freundlicherweise besorgt, aber auch das zweite Tablett war nicht, wie erbeten, ein vegetarisches Gericht. Und die Dame von der Spenderdatei ist mir nicht schnell genug wieder gegangen, ich wollte eigentlich mein Buch weiterlesen und keine triviale Unterhaltung mit jemandem führen, den/die ich nie wieder sehen werde. Ich erwähne das nur, damit klar wird, wie geringfügig meine Beschwerden insgesamt waren.

Wenn ich die Wahl hätte zwischen einer Knochenmarkspende und einer ordentlichen Erkältung mit Gliederschmerzen (wie sie viele ja mindestens 1x pro Jahr haben) würde ich die Spende nehmen.

Kontakt: Hinterher hat man mir dann erzählt, dass der Empfänger jünger ist als ich und im europäischen Ausland lebt. Dort, wo er registriert ist ist aber auch nach längerem Briefkontakt kein persönliches Treffen möglich, und der Briefverkehr wird eben deshalb von der Spenderdatei kontrolliert und gegebenenfalls zensiert. Ist mir recht. Ich will schon wissen, ob’s geholfen hat (wozu ich mein möglichstes getan habe, der Rest ist Glückssache) aber damit ist’s dann auch gut.

* Nachtrag: Ich vergaß zu erwähnen, es geht auch ohne Vollnarkose: Man kann sich auch was spritzen lassen, wodurch die Stammzellen ins Blut treten und sich dann drei Tage später für 3-5 Stunden an eine Art Dialyse-Apparat anschließen lassen. Ohne Vollnarkose, dafür macht das Medikament wohl Gliederschmerzen. Entscheidender für mich war aber, dass die Ärzte des Empfängers die Zellen lieber frisch gezapft wollten und es theoretisch möglich ist, dass bei der Dialyse-Variante nicht genügend Zellen zusammen kommen und dann doch noch eine OP nötig wird.

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Written by markusnagler

Oktober 23, 2011 um 8:25 pm

Veröffentlicht in Gesundheit

Eine Antwort

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  1. Sensationell geschildert. Bin auch seit zwölf Jahren in der Datei. Macht Mut! thanx!

    Katrin

    Oktober 24, 2011 at 9:09 pm


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